Dichter Nebel hängt über der Stadt, Bergkuppen und Gebäude verschwinden im Dunst. Der noch liegende Schnee hat sich schwarz verfärbt. Das Atmen fällt schwer in Almaty. Die Stadt leidet unter extrem schlechter Luft.

Genau so schlimm ist es auch in Bischkek und Taschkent. Menschen mit Atemschutzmasken gehören hier mittlerweile zum normalen Straßenbild, und zwar nicht nur zum Schutz vor Erkältungen.

Smog in Almaty
Othmara und Edda haben sich aufgrund der Luftverschmutzung Atemmasken gekauft. (Foto: Othmar Glas)

Viele Leute haben sich mittlerweile Apps heruntergeladen, die den Grad der Luftverschmutzung anzeigen. Wenn es ganz schlimm ist, werden die Screenshots in sozialen Medien geteilt.

Eines dieser Programme ist die Schweizer App „AirVisual„. An einem gewöhnlichen Wintertag in Almaty zeigt sie 154 zeigt an. Die Zahl leuchtet rot und daneben steht: ungesund. Die Luft, die die Bewohner Almatys jeden Winter atmen, macht krank.

Luft
Screenshot aus der App „Air Visual“ vom 25. Februar.

Die App nutzt den US-amerikanischen Air Quality Index (AQI), ein System zum Monitoring der Luftqualität. Es gibt auch einen chinesischen Index. Beide Indizes reichen von 0 bis 500, wobei hohe Werte eine höhere Luftverschmutzung anzeigen. Alles ab 300 gilt als richtig gefährlich. Der US-AQI nutzt 50er Schritte: Von 0 bis 50 ist alles gut, von 51 bis 100 ist die Luftqualität mäßig, von 101 bis 150 ungesund für sensible Gruppe, und so weiter.

Der AQI wird mit einer Gewichtung von sechs Hauptschadstoffen berechnet. Dazu zählen PM2,5, PM10, Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Ozon. PM2,5 und PM10 sind Feinstaubpartikel, die schwere Gesundheitsauswirkungen haben können, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie sind vor allem deshalb so gefährlich, weil die Partikel aufgrund ihrer geringen Größe sehr lange in der Atmosphäre bleiben – bis zu Wochen – und bis zu 1000km weitgetragen werden können. Deshalb ist die Feinstaubbelastung an einem auch international von Bedeutung.

Gemessen wird an verschiedenen Punkten. In Almaty gibt es z.B. eine Messstation auf dem Dach der Medizinischen Universität.

Springe zu: 16:18 Wie Luftverschmutzung gemessen wird

Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?

Man kennt die Bilder aus China oder Indien, auf denen man kaum zehn Meter weit sehen kann vor lauter Smog. Auch Ulan-Baator ist bekannt für seine schlechte Luft. Ist es Vergleich dazu tatsächlich so schlimm mit der Luftverschmutzung in Zentralasien?

Ja, die Städte hier gehören auf jeden Fall zu den Top 20 der Welt.

Springe zu: 21:10 Situation in Bischkek und Almaty

Woher kommt die schlechte Luft?

In Deutschland gibt man vor allem Autos die Schuld am Smog. In Almaty, Bischkek oder Taschkent liegt es aber vor allem an den Kohlekraftwerken, die im Winter auf Hochtouren laufen. Hinzu kommen ärmere Privathaushalte, die alles Mögliche ungefiltert verbrennen.

Zu Sowjetzeiten wurde bei der Stadtplanung darauf geachtet, dass in der Stadt „Durchzug“ herrschte. Damit Hitze und Abgase sich nicht stauten, wurden bei der Bebauung Schneisen offen gelassen, um einen Luftaustausch zu ermöglichen. Heute wird darauf kaum noch geachtet.

Smog in Almaty
Smog in Almaty bei typischer Inversionswetterlage im Winter (Foto: Edda Schlager)

Auch die geographische Lage und häufig auftretende Wetterphänomene spielen eine Rolle. So kommt es gerade in Almaty und Bischkek oft zu so genannten Inversionswetterlagen. Dabei riegeln warme Luftschichten in der höheren Atmosphäre darunter liegende kühlere Luftschichten geradezu ab. Zwischen den Schichten kommt es nicht mehr zum vertikalen Luftaustausch.

Springe zu: 23:04 Edda über die Gründe der Luftverschmutzung

Luftverschmutzung befeuert Aktivismus

Luftverschmutzung betrifft jeden: Deshalb ist es unverständlich, das die Stadtverwaltungen kaum was gegen das Problem unternehmen. Das ruft den Unmut der Bürger hervor. Erst vor kurzem gab es eine Onlinepetition, die innerhalb eines Tages 17.000 Unterschriften gesammelt hat.

Seit einigen Jahren ist auch die Gruppe „AUA“ aktiv. AUA ist das Akronym für „Almaty Urban Air“ und gleichzeitig das kasachische Wort für Luft. Auf Instagram postet die Gruppe regelmäßig Infos zur Luftverschmutzung.

Springe zu: 28:03 Bewegung für saubere Luft

Auch in Bischkek und Taschkent gibt es Forderungen, etwas gegen die Luftverschmutzung zu tun. In Bischkek werden Bäume gepflanzt, damit mehr Pflanzen die schlechte Luft reinigen. Aber in allen Städten Zentralasiens findet das Thema kaum Gehör bei den Verantwortlichen.

Selbst in Usbekistan melden sich die Menschen seit kurzem in sozialen Medien zu Wort mit dem Aufruf „Taschkent will atmen – Ташкент хочет дышать“.

Ташкент хочет дышать 🌳🌲

Gepostet von Sirojiddin Olimov am Donnerstag, 27. Februar 2020

Lösung aus der Wissenschaft?

Lösungen gibt es in den betroffenen Städten bisher kaum. In Almaty und Nur-Sultan fahren zwar Busse mit Erdgas. Die gesamte Flotte wurde in den vergangenen Jahren umgestellt. Katalysatoren sind bis heute nicht Pflicht in Zentralasien. So sind hier immer noch viele Gebrauchtwagen aus Europa oder dem fernen Osten unterwegs, die in Deutschland längst verboten wären.

Die Forschung liefert in Zentralasien keine praktikablem Lösungen. Es gibt punktuell meist international finanzierte Projekte. Doch nachhaltige Lösungen kann die hiesige Wissenschaft nicht liefern – dazu geht es ihr viel zu schlecht.

Wissenschaftliche Institute sind schlecht ausgestattet. Es fehlt an Know-how und Innovationskraft.

Das Wichtigste allerdings fehlt auch – ein Bewusstsein für die Dramatik der Situation und der Wille seitens der Politik, das Problem zu lösen.

Springe zu: 31:44 Edda zu Umweltforschung

Und was sonst noch in Kasachstan los war:

Anfang Februar gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kasachen und Dunganen. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile auf elf gestiegen, es gab fast zweihundert Verletzte und tausende Menschen sind geflohen. Es wurden etliche Häuser in Brand gesteckt und zerstört. Die Opfer waren mehrheitlich Dunganen, weshalb von einem ethnischen Hintergrund des Konfliktes ausgegangen wird. Dunganen sind Muslime, die im 19. Jahrhundert aus China nach Zentralasien flohen. Sie leben mehrheitlich im Norden Kirgisistans und im Südosten Kasachstans entlang des Grenzflusses Tschui.

Springe zu: 2:22 Othmara erzählt von ihrer Recherche zu Masanchi

Die Ausschreitungen können die soziale Situation in Kasachstan weiter destabilisieren, zumal die Aufarbeitung nur schleppend verläuft. Bisher wurden nur hohe Beamte in dem Gebiet ausgetauscht, aber Täter vor Ort kommen vermutlich ungeschoren davon – was wiederum das Vertrauen in den Staat verringert.

Am vergangenen Wochenende gab es zwei Demonstrationen in Almaty. Einmal von einer neuen, nationalistischen Partei und einmal von der verbotenen „Demokratischen Wahl Kasachstans“. Beide Proteste endeten mit Verhaftungen.

Springe zu: 8:06 Proteste in Almaty


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